Hey Gen Y, warum sich ein Studium auch ü30 noch lohnt

Ich habe es gewagt. Mit Anfang 30 in guter Position habe ich meinen unbefristeten Arbeitsvertrag gekündigt und bin studieren gegangen. Gerade schließe ich mein Bachelorstudium nach drei Jahren mit Bestnoten ab. Ich würde jedem raten, es genauso zu machen.

Ich wollte schon immer studieren. Vor rund 12 Jahren hatte ich sogar mal einen Studienplatz. Doch damals war es finanziell schwierig, clubben war mir wichtiger und außerdem hatte ich ein interessantes Jobangebot. Der Gedanke an ein Studium ließ mich jedoch nie los. Ich habe mich immer wieder beworben – und wurde plötzlich angenommen.

Zurück im Juli 2014: Als ich die Zusage in den Händen hielt, musste ich zur Beruhigung diverse Wodka Shots abkippen. Zum Glück war es Samstagmittag und eine Hand voll Freunde war noch im Sisyphos. Also ab aufs Rad auf ein Wörtchen mit der Crew. In der Woche darauf kündigte ich meinen festen Job. Doch wie sollte ich das Studium finanzieren? Es tat sich ein Problem auf:

Ab 30 gibt es kein Bafög mehr.

Fängst du spät an zu studieren, bist du finanziell angeschissen. Kein Bafög, das Doppelte an Krankenversicherungsbeiträgen im Vergleich zum normalen Studentensatz und viele Ermäßigungen gelten nur bis Ende 20 (z. B. Schwimmbad). Was hat unser Staat eigentlich für ein fucking Problem damit, wenn man erst ü30 mit dem Erststudium beginnt? Als Vollzeitkraft habe ich jahrelang fleißig in die Staatskasse eingeblecht. Als Spätstudierender musst du zusehen, wie du dir deine Ausbildung finanzierst. Bei mir hat es Dank des gut bezahlten Studentenjobs bei meinem alten Arbeitgeber plus einem privaten Kredit geklappt.

Warum man es trotzdem wagen sollte?

Als Erstie war ich 32. Ich habe immer wieder gehört „voll krass, dass du das nochmal durchziehst“. Warum? Sollte man ab 30 mit seinem Berufsleben abschließen und sich innerlich auf den Gang in die Rente vorbereiten? Alter hat nichts mit der Fähigkeit zu Lernen zu tun. Ganz im Gegenteil, es tut unglaublich gut. Nach einer sich mit der Zeit eingeschlichenen Arbeitstristesse frischen Wind in sein Oberstübchen zu lassen wirkt befreiend für den Geist. Und das sage ich, die nun wirklich alles andere als einen langweiligen Job hatte (mehr dazu hier).

Ohne Arschtritt geht es nicht.

Ich kann nicht behaupten, dass es ein einfacher Weg ist. Doch wenn der Wille da ist, dann schafft man es – auch wenn die Schulzeit schon ein Jahrzehnt zurückliegt. Es wird leider nicht einfacher, wenn die berufstätigen Freunde am Wochenende frei haben. Denn als Student verschwimmt die Trennung zwischen Arbeitstagen und Wochenende. Dafür hat man unter der Woche mehr frei. Hat auch was. Mit am schönsten fand ich, keinem Nine- to-five-Trott mehr ausgesetzt zu sein, denn im Studium entscheidest du, was du wann tust. Außer in den Prüfungsphasen, da musst du einfach tun.

Du bist ü30 und denkst über ein Studium nach?

Hier sind meine Tipps für dich. Klar gibt es ein Fernstudium. Nur kostet es oft viel Geld, du hast kein Institut, keine Kommilitonen, kein Uni-Feeling und – das ist das Schlimmste – musst es neben dem Vollzeitjob in der kostbaren Freizeit wuppen. No way. Wichtig ist ein finanzielles Standbein: pumpe jemanden an oder nimm einen Kredit auf. Arbeite nebenbei, aber auf keinen Fall mehr als zwölf Stunden die Woche. Suche dir einen Studiengang, der dich wirklich interessiert und bestenfalls etwas mit deinem bisherigen Beruf zu tun hat. Bewirb dich an einer Hochschule, dort wird praxisnah gearbeitet und du kannst jede Menge aus deiner Berufserfahrung nutzen (und notentechnisch richtig absahnen). Außerdem sind dort die Kommilitonen nicht ganz so jung. Falls du deinen Vollzeitjob für dein Studium kündigen möchtest: melde dich unbedingt VOR Beginn des Studiums arbeitslos, ansonsten verfällt dein Anspruch auf ALG I und du darfst mit dem Bachelor in der Tasche hartzen gehen.

Tu es! Für dich. Es lohnt sich.   

Vor meinem Studium habe ich eine kaufmännische Ausbildung gemacht und stand knapp zehn Jahre voll im Berufsleben. Ende des Monats bin fertig und gespannt wie ein Flitzebogen, was auf mich zukommt. Aber ich kann jetzt schon sagen, dass sich die letzten drei Jahre gelohnt haben. Für mich persönlich. Ich bin innerlich gewachsen, habe viel gelernt, tolle Menschen getroffen und Freunde gefunden. Trotz Arbeitsflut, Schweiß und grauen Haaren in den Prüfungsphasen hatte ich eine tolle Zeit. Ich würde es immer wieder tun.

Bild: HTW Berlin, Campus Wilhelminenhof

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