Friedrichshain: Last Punks Standing

Friedrichshain ist über die Stadtgrenzen hinaus für seine autonome Szene bekannt. Ich würde sogar so weit gehen und behaupten, dass sie neben unseren weltweit bekannten Clubs wie das Berghain, Kater Blau oder das Watergate der USP unseres Kiezes sind. Entsprechend sorgt der Großeinsatz in der Rigaer94 bundesweit für große Aufregung, bei dem 500 Polizisten inkl. Helikopter am Mittwoch 1 Haus stürmten (die Betonung liegt auf 1). Aber darauf will ich gar nicht näher eingehen, ich entsende lediglich ein dickes WTF nach Mitte, insbesondere an Herrn Henkel von der CDU.

Als ich Mittwochabend den Helikopter mit dem auf den Boden strahlenden Scheinwerfer sah, war ziemlich schnell klar: der Staat rächt sich an dem Angriff des Vortages auf einen Polizisten in der Rigaer Straße. Dann fiel mir auf, dass die letzte Action dieser Art – für Friedrichshainer Verhältnisse – schon echt lange her ist.

Friedrichshain im Wandel

Als ich 2008 in den Kiez zog, fanden mindestens wöchentlich Demos gegen Räumung besetzter Häuser, Gentrifizierung oder andere Ungerechtigkeiten statt. Und diese Demos waren keinesfalls klein. In der Walpurgisnacht wurde der Boxhagener Platz zum Sperrgebiet erklärt. Es wurde lautstark an den in den 1990ern von Neonazis getötete Silvio Meier erinnert. All das wurde von Jahr zu Jahr immer weniger.

Heute herrscht in der Nacht zum 1. Mai am Boxhagener Platz gähnende Leere. Und Demos in der Art und Größe finden im Kiez nur noch selten statt. Und seitdem die Gabelsberger in die Silvio-Meier-Straße umbenannt wurde (2013), scheinen die Gedenkmärsche leiser und Blumenhaufen am 21. November in der U-Bahn-Station Samariter Straße kleiner – zumindest gefühlt. Das ist doch scheiße. Für mich war genau dieses, ich nenne es mal „lebendige Protestverhalten“ damals ein Grund, in diesen Stadtteil zu ziehen.

Besetzte Häuser gehören zur Seele dieser Stadt

Ich bin kein Anhänger der linksautonomen Szene. Aber ich finde, dass es sie geben muss. Und die Hausbesetzungen seit den 1970ern in Kreuzberg und ab 1990 in Friedrichshain gehören zur Geschichte Berlins und sollten unbedingt erhalten werden (in legaler Form als Wohnprojekt, Erstkaufrecht für die Bewohner o.ä.). Auf berlin-besetzt.de werden die besetzten und bis heute geräumten Häuser gezeigt: es sind kaum welche erhalten. Diese Häuser fallen ebenso wie andere den „Heuschrecken“ zum Opfer, die sämtliche Wohnhäuser aufkaufen und so eben auch die linksautonome Szene weggentrifizieren.

Und die Berliner Regierung? Die geht gerade nur so viel wie für den nächsten Wahlkampf nötig gegen diese Totsanierung der Stadt, explodierende Mieten und die damit einhergehende Vertreibung der Anwohner vor. Hier läuft einiges falsch.

Foto: Wohnprojekt in der Kreutziger Str.

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