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Zehn Jahre Berlin – und das, was bleibt

Als ich Anfang der Nuller Jahre zum ersten Mal nach Berlin kam, wurde ich infiziert. Wie eine Motte ans Licht zog es mich zu diesem urbanen Spielplatz. Ein paar Jahre später war es dann so weit. Mit einem Koffer voller Ungewissheit trat ich meine Reise in ein neues Leben an. Und blieb.

Man zieht mit einem Kribbeln nach Berlin, mit dem Gefühl, alles sei möglich. Es riecht nach Freiheit! Man ist näher dran, an der Welt, bekannte Gesichter kreuzen deinen Weg und leben in deiner Nachbarschaft. Du bist mittendrin in dieser aufregenden Hauptstadt, von der alle sprechen.

Heute, zehn Jahre später, ist alles anders.

Es ist unmöglich, zehn Jahre in dieser Stadt zusammenzufassen (geschweige denn, sich an alles zu erinnern). Deshalb nehme ich euch mit auf eine kleine Reise in das Jahr 2008.

In meinem Wohnhaus lebte ein Mix aus Punks, Studenten und jungen Leuten wie ich aus der Kategorie „work hard, party harder“. Und eine (damals schon) echte Rarität im Friedrichshainer Südkiez: ein Rentnerehepaar, dessen Wohnungseinrichtung in den frühen 1970er-Jahren (DDR!) stehengeblieben zu sein schien.

Ein unsanierter Altbau aus der Jahrhundertwende, an dem seit der Sanierungswelle nach dem Mauerfall nichts mehr gemacht wurde. Die Wände vollgeschmiert, im Winter roch es nach Kohle. Die Stromversorgung lief über alte Schraubsicherungen, die in einem frei zugänglichen Sicherungskasten im Hausflur waren. Knallte eine durch, hat man einfach die einer anderen Wohnung bei sich eingedreht. Heute ist mein Wohnhaus fast fertig saniert und das erste Baby in der Nachbarschaft. Die Punks sind weg.

Feiervolk wurde gegen Bauarbeiter getauscht

Die Häuser zwischen Ostkreuz, Frankfurter Tor und Warschauer Straße waren grau und unsaniert (inklusive der Berliner Mauer an der East Side Gallery). Es gab nette versiffte Bars, die mittlerweile der Gentrifizierung gewichen sind oder sich der neuen Klientel angepasst haben. Heute sind die Häuser weiß und in den Cafés kannst du Banana Bread oder Avocado Sandwiches futtern.

Mit der Nähe zur Mainzer, Rigaer & Co. und damit der alten Hausbesetzer-Szene der 1990er-Jahre lag meine Straße auf einer beliebten Route von Demonstrationen, die es in einer großen Häufigkeit gab. Meistens wurde gegen steigende Mieten oder Nazis skandiert.

Morgens auf dem Weg zur Arbeit stolperten dir die Übriggebliebenen der vergangenen Nacht entgegen, erkennbar an Bier und Kippe. Heute: Bauarbeiter mit Bier und Kippe. Sie wuseln um die vielen Häuser, die im Kiez saniert werden bzw. ein Stockwerk aufgesetzt bekommen (Stichwort Gentrifizierung).

Der Versuch, Friedrichshain zu regulieren

Es fühlt sich so an, als würde mit aller Gewalt versucht, „Zucht und Ordnung“ in diesen Kiez zu bekommen. Sei es durch die andauernden Machtkämpfe in der Rigaer Straße oder sinnlose Verordnungen wie ein plötzliches Verbot von Tischen in der Mainzer Straße. Als nächstes soll es der Simon-Dach-Straße an den Kragen gehen: Ab Mai 2018 soll hier ab elf Schluss sein mit Draußen sitzen. Zum Glück wehren sich die Bewohner mit angemessenem Protest – und haben oft Erfolg damit. Gut so.

Die Friedrichshain-Kreuzberg-Neukölln-Blase

Es fällt dir erst mit der Zeit auf. Irgendwas ist komisch in deiner Heimatstadt. Und dann dämmert es dir: Da sind alte Leute! Vor allem in Friedrichshain und Kreuzberg scheint keiner älter als 50 zu sein – und die sehen aus wie 30. Der gut-bürgerliche Normalo, der für seinen Berlinbesuch die Trekking-Klamotten ausgepackt hat, sticht ins Auge wie ein Wolf unter Schafen. Du bewegst dich in einer Welt von jungen Menschen, die studieren, „irgendwas mit Medien“ arbeiten oder sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten – und am Wochenende gerne mal auf die Kacke hauen. Helene Fischer oder anderer Mainstreamrotz, der im Rest des Landes regiert, spielt hier kaum eine Rolle.

Du bekommst 24/7 alles – und zwar umme Ecke. Dein Leben spielt sich in einem Radius von 10 Kilometern ab, ich komme selten raus aus Friedrichshain-Kreuzberg-Neukölln. Lustigerweise ist man trotzdem im Schnitt mit den Öffis 40 und mit dem Fahrrad 25 Minuten von A nach B unterwegs.

Berlin ist übergelaufen

Es ist voller geworden. Willst du in ein tolles Restaurant oder eine coole Bar gehen, solltest du früh da sein oder reservieren. Von den Schlangen vor den Clubs ganz zu schweigen. Adieu, Spontanität. Auch im Alltag ist das spürbar, eine Rush Hour kannte ich jahrelang nicht. Knotenpunkte wie die Warschauer Brücke, das Ostkreuz oder der „Fahrrad-Highway“ vom Frankfurter Tor zum Alexanderplatz sind zum täglichen Kampf geworden. In anderen Metropolen wie Paris oder London schlängeln sich die Großstädter rücksichtsvoll durch die Massen. In Berlin wird geschubst, gerempelt und gepöbelt. Da haben wir noch einiges zu lernen.

Clubs wurden Mainstream

Im Jahr 2008 war die Clubszene in Berlin aufregend: Es gab Leerstand für illegale Partys in alten Gebäuden, jedes Wochenende von Frühling bis Herbst waren nicht angemeldete Open Airs im Görli oder anderen Parks mitten in der Stadt. Von den Raves erfuhr man über ein Forum, zu dem man nur Zutritt bekam, wenn man von einem Freund eingeladen wurde. Heute gibt es kaum noch Leerstand in der Stadt und es fühlt sich nach fünf Minuten irgendwer von dem „Lärm“ gestört.

Es gab die Bar25, die ein After Hour-Schuppen war und das komplette Wochenende drei Euro Eintritt kostete. Mit bunten Klamotten ins Berghain zu gehen war überhaupt kein Problem und die Bachstelzen schmissen Partys mit tonnenweise Konfetti in Clubs wie der Ritter Butzke oder in Off-Locations wie dem Keller des heutigen Michelberger Hotels.

Berliner Clubs sind zu Tourist Hotspots geworden. Durch den Ansturm der Techno-Touristen musste sich die Szene professionalisieren (und legalisieren). Das schlägt sich auf das Publikum und auf die Preise nieder; vor zehn Jahren warst du im Schnitt mit sechs Euro Eintritt dabei, mittlerweile sind es zwölf.

Das, was bleibt?

Soll- und Haben-Seite nähern sich an. Doch du kannst dir nach wie vor die Nächte um die Ohren schlagen und fällst mit Mitte Dreißig nicht auf (in der Kleinstadt fühlst du dich wie ein Weirdo unter den ganzen 20-Jährigen). Liebst du Musik, bist du hier goldrichtig – in Berlin spielen sie alle. Überhaupt ist das (sub-)kulturelle Angebot einzigartig. Wo ich so unterwegs bin, zeige ich auf Instagram.

Berlin verliert immer mehr an Charme und Coolness, ist aber noch die Nummer eins. Mal sehen, was die nächsten Jahre bringen.

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