Griessmühle saveourspaces embrace our culture

Warum der Wirbel um die Griessmühle Fluch und Segen zugleich ist

Die Griessmühle hat die Trommel für ihr Weiterbestehen in der Sonnenallee gerührt. Die Medien stürzten sich auf das Thema und berichteten überregional über ihr Schicksal und das Clubsterben in Berlin. Am 23. Januar wurde zum ersten Mal im Berliner Abgeordnetenhaus über die Zukunft eines Clubs abgestimmt – zu Gunsten der Griessmühle. Als langjährige Clubgängerin schlagen zu diesem Thema zwei Herzen in meiner Brust.

Die Aktion der Griessmühle in aller Kürze

Alles begann zwischen den Jahren mit einem Video…

Dieser Clip war die Initialzündung, mit der die Betreiber der Griessmühle unter dem Aufruf SAVE OUR SPACES eine „SOS“-Landingpage ins Leben gerufen haben. Sie ernteten viel Medienaufmerksamkeit, ihre Petition wurde in Windeseile von über 42.000 Menschen unterzeichnet (mir inklusive). Der Investor S IMMO (Sparkasse) geriet unter Druck und zeigte sich gesprächsbereit. Lokalpolitiker stürzten sich mit ins Getummel, denn längst sind Clubs zu einer wichtigen Einnahmequelle der Stadt geworden. Am 23. Januar schrieb die Griessmühle also Geschichte, als zum ersten Mal im Abgeordnetenhaus über die Zukunft eines Clubs abgestimmt wurde. Das Ergebnis: Der Technoclub hat nach der Kündigung des Mietvertrags nun eine zugesagte Zwischennutzungsoption in Lichtenberg oder Mitte plus die Aussicht vom Investor, nach den Bauarbeiten wieder am Standort einzuziehen.

Warum es super ist, was hier gerade passiert

Laut der Berliner Clubcommission mussten in den vergangenen zehn Jahren 100 Clubs in Berlin schließen (absurd!). Meist ohne Chance auf einen alternativen Ort, da es kaum noch passende (und bezahlbare) Flächen in der Stadt gibt. Das Berghain und der Holzmarkt (Kater Blau) haben ihre Schäfchen ins Trockene gebracht, in dem sie das Areal gekauft haben, auf dem sie ihre Clubs betreiben. Das kann aber nunmal nicht jeder.

Ich finde Aufschreie wie die von der Griessmühle und der Rummelsbucht wichtig, da sie nicht nur um ihr Überleben kämpfen, sondern auch der ätzenden Entwicklung dieser Stadt entgegenwirken und Investoren (und Spießern) vor den Karren fahren. Von der Ausgangslage „Alle Gesprächsversuche die S IMMO oder die SIAG an einen Tisch zu bekommen sind bisher gescheitert.“ (Zitat Griessmühle) wurde mit dem Druck durch die Medien auf den Investor und die Politik erreicht, dass der Club nicht kommentarlos aus seinem Zuhause gekickt wird.

Warum es furchtbar ist, was hier gerade passiert

Punkt eins: Durch die große Medienöffentlichkeit und das Marketing der Stadt Berlin ist „clubben“ zum Hype geworden. Ein Punkt auf der Liste der Dinge, die man in Berlin gemacht haben muss. Dadurch strömt ein Klientel in die einstigen Underground-Clubs, das den Spirit zerstört. Möchtegern-Hedonisten, die sich verkleiden, um am Türstehern vorbeizukommen. Wenn kein striktes Fotoverbot herrschen würde, würden sie die Instagram Community wahrscheinlich mit jeder Menge Stories „beglücken“; angefangen von der Schlange vorm Club über Selfies auf dem Floor bis hin zu anderen Gästen, die in ihren Augen keinen Style haben. Allein beim Gedanken daran schüttelt es mich. Versteht mich nicht falsch, die Techno-Kultur steht für Toleranz und Offenheit. Leben und leben lassen. Doch Menschen, die aus genannten Gründen in den Club rennen und eigentlich stockkonservativ sind, haben dort einfach nichts zu suchen.

Punkt zwei: Das alles hat nichts mehr mit dem Ursprung und Wesen der Techno-Kultur zu tun. Sie lebt(e) von Freiräumen und den Menschen der Szene, bewegt(e) sich unter dem Radar der Öffentlichkeit, des Normalen und des Mainstreams. Dass Technoclubs nun von der Stadt geschützt und reguliert werden und von Parteien wie der CDU (ja, die C-D-U, WTF!) zum Stimmenfang genutzt werden, grenzt an Schizophrenie. Klar ist das nix Neues und der Entwicklung Berlins geschuldet. Doch es nimmt immer ungeahntere Ausmaße an.

Dem ://about blank steht ebenfalls das Aus bevor. Die Betreiber haben kürzlich ein Statement veröffentlicht, das es gut auf den Punkt bringt:

[english below]clubsterben, kein haus weniger und die große politikin vielen zeitungen und stadtmagazinen wird in…

Gepostet von ://about party am Dienstag, 21. Januar 2020

Im Februar 2020 zieht die Griessmühle also ins Exil – ob sie jemals an ihren alten Standort in der Sonnenallee zurückkehren wird, bleibt abzuwarten. Meine Vermutung: Der Investor bietet den Betreibern neu gebaute Räume an, die natürlich völlig indiskutabel für einen Club dieser Art ist – und die Griessmühle dies ablehnen wird.

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SOS-Hilfeseite der Griessmühle
Artikel in der GROOVE
Die steile These: Warum Techno sterben muss (taz)


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Artikelbild: Griessmühle.de

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